Kennen Sie das? Da sitzt man vor einem Berg alter Fotos und schwelgt in Erinnerungen. Damals, da war einfach alles besser: Man grüßte sich noch gegenseitig auf der Straße, schließlich wurde grundsätzlich noch mehr Wert auf gute Manieren gelegt. Nachbarn kannten sich noch persönlich und halfen sich gegenseitig aus, wenn es einmal brannte. Und auch sonst war alles verlässlicher: Die Haushaltsgeräte waren noch echte Qualitätsware und ist doch einmal etwas kaputt gegangen, dann wurde es eben einfach repariert – ganz im Gegensatz zur heutigen Wegwerfgesellschaft. Es ist eine lange Liste, wenn man so will. Doch jetzt einmal unter uns: War diese sogenannte „gute alte Zeit“ wirklich besser als heute? Oder bilden wir uns vieles einfach nur ein? Eines zumindest weiß ich: Den neuen Laptop würde ich nur sehr ungern gegen die verstaubte Schreibmaschine meiner Großmutter austauschen.

„Die gute alte Zeit“: Realität vs. falsche Erinnerung

Sich ab und an im Alltag den netten kleinen Kramerladen anstelle der riesigen Supermarktkette herbeizuwünschen, ist ja erlaubt! Aber in der Politik nimmt das Schwelgen in vergangenen Zeiten teilweise gefährliche Züge an. Denn die nostalgische Verzerrung der Vergangenheit wird gerade am rechten Rand gerne als rhetorische „Waffe“ genutzt. So behaupten eine Vielzahl der Befürworter von Trump oder AfD, früher sei alles besser gewesen. Diese Art der Glorifizierung ist ein Trend, über den man nicht nur in der Politik stolpert. Auch im Konsumbereich finden sich viele Dinge von früher wieder: Plattenspieler, Vintage-Mode und Retro-Kühlschrank. Zahlreiche Konsumgüter von früher sollen die Sehnsucht der Konsumenten nach der guten alten Zeit wecken. Aber interessant ist doch die Frage, woher diese Sehnsucht bei uns Menschen überhaupt kommt? Warum wünschen wir uns immer wieder das vermeintlich Bessere von früher zurück? Wieso leben so viele von uns im Gestern? Die Psychologie hat versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden und ist auf interessante Fakten gestoßen.

Psychologie: Die Verzerrung der Vergangenheit

Menschen neigen dazu, längst Vergangenes buchstäblich schön(er) zu reden. Dabei glauben sie, ihre Erlebnisse und Erfahrungen seien besser, intensiver und interessanter gewesen, als sie es in der Realität vielleicht tatsächlich waren. Auch eine Studie von Terence Mitchell und seinen Kollegen konnte dies zeigen: Wenn die Forscher ihre Probanden zum Gemütszustand während ihrer letzten Unternehmungen befragten, berichteten die meisten von einer glücklichen und zufriedenen Zeit. Auch wenn von den Wissenschaftlern belegt werden konnte, dass nur die Hälfte dieser Zeit von Freude geprägt war und der Rest vielleicht von Ärgernissen oder Enttäuschungen. Diese negativen Gefühle wurden von den Probanden einige Zeit später schlicht wieder vergessen.

Unser Gehirn spielt uns einen Streich

Entgegen so mancher Vermutung können wir unserem Gehirn nicht immer trauen. Auch wenn wir fest davon überzeugt sind, uns richtig an eine Situation erinnern zu können, liegen wir oft falsch. Denn unsere Erinnerungen färben wir zum einen mit aktuellen Emotionen und zum anderen mit dem jetzigen Wissen. Die Erinnerungen werden den eigenen Bedürfnissen unterbewusst einfach angepasst. Ist man beispielsweise mit einer Situation oder einem Umstand im Hier und Jetzt zufrieden, glaubt man häufig, man sei auch in der Vergangenheit damit glücklich gewesen. Auch unser emotionales Gedächtnis spielt beim Erinnerungsvorgang eine bedeutende Rolle: So prägen sich Erlebnisse, die wir zum ersten Mal machen, tiefer in unser Gedächtnis ein als triviale Alltagssituationen. Der erste Job, das erste Kind oder auch die bestandene Führerscheinprüfung sind allesamt emotionale Erlebnisse, die sich fest im Gedächtnis verankern. Umso mehr Erlebnisse im Laufe des Lebens hinzukommen, umso anfälliger wird der Mensch für Nostalgie. Die Wahrscheinlichkeit, dass man Erinnerungen verzerrt, nimmt im Alter also immer mehr zu. Unser emotionales Gedächtnis arbeitet dabei allerdings nicht fehlerfrei. So entsteht fälschlicherweise oft der Glaube, früher sei alles besser gewesen.

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