„Bleib so, wie Du bist!“

Ein Ratschlag, den wahrscheinlich jeder schon einmal in irgendeiner Form gehört, gelesen oder jemandem gegeben hat, ob auf einer Geburtstagskarte oder einfach so. Es ist ein nettes Kompliment, das leicht über die Lippen geht. Die praktische Umsetzung dieses Ratschlags könnte sich nach neuen Erkenntnissen jedoch etwas schwieriger gestalten. Denn bisher galt die Annahme, dass die eigene Persönlichkeit mit zunehmendem Alter immer stabiler wird, und sich die jeweiligen Eigenschaften mit der Zeit weiter verfestigen. Die Forscher sind nun allerdings zu ganz neuen Erkenntnissen gekommen: Ähnlich wie bei der Persönlichkeitsentwicklung im jungen Erwachsenenalter kann bei  Menschen ab 70 tatsächlich noch einmal ein starker Veränderungsprozess stattfinden.

Studie zur Persönlichkeitsveränderung im Alter

Die Psychologin Jule Specht hat zusammen mit ihren Kollegen eine Studie zur Persönlichkeitsveränderung im Alter durchgeführt. Hierfür wurden unter anderem die Daten einer der größten Langzeitstudien Deutschlands, des sogenannten „Sozio-oekonomischen Panels“ (SOEP), herangezogen. Für den Zeitraum 2005 bis 2009 wurden von knapp 15.000 Probanden zwischen 16 und 82 Jahren die fünf zentralen Persönlichkeitsmerkmale (sog. „Big Five“) erfasst: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Anhand der Messung dieser Merkmale fanden die Wissenschaftler schnell heraus, dass die verschiedenen Persönlichkeiten in drei Typen eingeteilt werden können: Den „unterkontrollierten“, den „resilienten“ oder den „überkontrollierten“ Persönlichkeitstyp.

1„Resilienter“ Persönlichkeitstyp

Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und diese eher als Anlass für Entwicklungen zu verstehen, um bestenfalls daran zu wachsen. Oft fallen resiliente Menschen auf, weil sie ihren Alltag besonders gut meistern und sehr widerstandsfähig sind, wenn Probleme auftreten. Eher selten leiden sie an psychischen Problemen. Wissenschafter schätzen, dass in Deutschland ungefähr die Hälfte der 30-Jährigen zu diesem Persönlichkeitstyp zählt.

2„Unterkontrollierter“ Persönlichkeitstyp

Einige der resilienten Persönlichkeiten waren in ihren jugendlichen Jahren noch „unterkontrolliert“. Hierzu zählen häufig jüngere Männer. Unterkontrollierte Persönlichkeitstypen neigen zu Impulsivität und Sturheit. Gewissenhaftes und regelkonformes Verhalten zählt meist eher nicht zu ihren Stärken. Doch die Daten zeigen, dass um den 30. Geburtstag herum eine Stabilisierung der Persönlichkeit und ein Reifeprozess stattfindet.

3„Überkontrollierter“ Persönlichkeitstyp

Dieser Typ Mensch ist besonders emotional, feinfühlig und empfindlich. Insgesamt zeigt dieser Persönlichkeitstyp oft eine gewisse Nervosität und agiert im Alltag besonders vorsichtig. Auch zählt eine hohe Zuverlässigkeit zu seinen Eigenschaften. Außerdem behalten „überkontrollierte“ Persönlichkeiten ihre Eigenschaften oft auch jenseits der 30 und nicht selten bis ins hohe Erwachsenenalter.

Massive Persönlichkeitsveränderung ab 70 möglich

Nach Auswertung aller Daten kamen die Wissenschaftler zu folgendem Ergebnis: Die massivste Persönlichkeitsveränderung lässt sich bei einem Menschen bis zum 30. Lebensjahr beobachten. So nimmt die Gewissenhaftigkeit vieler junger Erwachsener, die vorher oft noch zum „unterkontrollierten Persönlichkeitstyp“ zählten, in diesem Alter zu. Auslöser hierfür könnte beispielsweise ihre erste Arbeitsstelle sein oder die Verantwortung für das erste Kind. Im mittleren Alter zeigten sich keine vergleichbar starken Persönlichkeitsveränderungen mehr. Erst ab einem Lebensalter von circa 70 Jahren konnten die Wissenschaftler erneut eine (massive) Änderung der Persönlichkeit feststellen. So konnte beobachtet werden, dass Menschen ab diesem Zeitpunkt beispielsweise weniger gewissenhaft und kontrolliert waren, eine größere Impulsivität an den Tag legten, ruhiger wurden oder ein gesteigertes Selbstwertgefühl aufwiesen. Manche der Probanden entwickelten sich in einem späteren Lebensabschnitt sogar noch zu „überkontrollierten“ Persönlichkeiten. Es konnte jedoch bei den verschiedenen Persönlichkeitsveränderungen kein typisches Muster gefunden werden.

Veränderung der Persönlichkeit im Alter: Ergebnisse überraschen Forscher

Die Ergebnisse dieser Studie überraschten die Wissenschaftler. Zwar wurden logischerweise einschneidende Lebensereignisse oder bestimmte Rollenwechsel als mögliche Auslöser für Persönlichkeitsveränderungen vermutet. Auch glaubten die Forscher, ein verschlechterter Gesundheitszustand, der Renteneintritt oder andere Ereignisse könnten als Anstoß für eine Veränderung der Persönlichkeit im hohen Alter in Frage kommen. Die Wissenschaftler sind jedoch inzwischen der Meinung, dass derartige Entwicklungen zwar von hoher Bedeutung im Leben eines Menschen sind, und diese auch gewisse systematische Persönlichkeitsveränderungen hervorrufen können. Allerdings waren die beobachteten Persönlichkeitsveränderungen der Probanden ab 70 teilweise so extrem, dass sie nicht allein von äußeren Einflüssen hervorgerufen werden können. Die Frage, woher diese Veränderungen rühren, konnte bislang also noch nicht vollständig beantwortet werden. Es bleibt somit weiterhin eine spannende Aufgabe für die derzeitige Forschung, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen.

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1 Kommentar

  1. Sehr interesanter Artikel. Ich habe es selber bemerkt das manche meiner Freundinnen die jetzt ueber 70 sind gluecklicher wirken….und ich selber, auch 64 bin so viel zufriedener mit dem Leben, fuehle mich wundervoll in Rente zu sein…und wir haben so viel mehr Spass …an einfachen Dingen wie neue Rezepte, unseres Tango tanzen, mit meinem Partner reisen…wirklich unglaublich….. vielleicht auch weil die Menschen mehr Jahre leben, und die 70 die alten 50 sind, who knows….

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