Das Pflegesystem in Deutschland ist für Menschen ohne entsprechendes Hintergrundwissen ein komplexes System, das äußerst schwer zu durchschauen ist. Zum 1. Januar 2017 steht eine umfassende Reform der Pflegeversicherung an. Es ist die größte Reform seit der Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995. Die Umstellung von drei Pflegestufen auf sogenannte fünf Pflegegrade ist nur eine Änderung von vielen. Kommt man in die Situation, dass zum Beispiel ein nahestehender Angehöriger pflegebedürftig wird, ist man mit der Bürokratie meist schon schwer beschäftigt. Hinzu kommen zahlreiche weitere Fragen: Wo kann ich mir Unterstützung holen? Welche Pflegeeinrichtung hält auch wirklich das, was sie verspricht? Die Wahl der richtigen Pflegeeinrichtung kann eine schwierige Aufgabe sein, schließlich möchte man seine Angehörigen in guten Händen wissen. Viele Entscheidungen erfolgen heutzutage mangels Transparenz immer noch auf reiner Vertrauensbasis. Ein Problem, dem sich die Online-Bewertungsplattform werpflegtwie angenommen hat.

Mehr Transparenz im Pflegebereich

Die Gründer und Mitakteure der Berliner Plattform werpflegtwie verfolgen das Ziel, das Pflegeangebot in Deutschland transparenter zu gestalten und dadurch Pflegebedürftigen und Angehörigen die Suche nach einem geeigneten Dienst und die Auswahl im Bedarfsfalle zu erleichtern. Der Service der Website beruht dabei auf einem gleichermaßen einfachen, wie auch effizienten System: Bereits erfahrene Menschen äußern ihre Eindrücke und geben Bewertungen im Hinblick auf einen Pflegeanbieter ab, was in der Summe wiederum in dessen Gesamtbewertung einfließt. Die Bewertung eines Pflegeanbieters könnte dann beispielsweise so aussehen:

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Quelle: Screenshot von www.werpflegtwie.de

Bewertet werden die Pflegeanbieter auf werpflegtwie.de nicht nur von den Pflegebedürftigen selbst, sondern auch von deren Angehörigen, Mitarbeitern des Pflegeanbieters und von allen anderen Personen, die bereits mit dem Anbieter in Kontakt gekommen sind. So kann letztlich ein realistisches Bild im Hinblick auf die Qualität des Pflegeanbieters entstehen, woran sich Nutzer von werpflegtwie bei ihrer Wahl orientieren können.

werpflegtwie gibt Betroffenen einen Leitfaden an die Hand

Und nicht nur das: Unter der Rubrik Leitfaden Pflege kann sich der Nutzer von werpflegtwie umfassend informieren. So wird innerhalb der Kategorie „Erste Schritte bei Pflegebedürftigkeit“ unter anderem auf die Frage eingegangen, ab wann ein Mensch tatsächlich pflegebedürftig ist, und welche Voraussetzungen vorliegen müssen, dass eine Pflegestufe beantragt werden kann. Unter „Pflegerechtliches“ wird u.a. das Vorgehen erklärt, welches zum Erhalt von Leistungen aus der Pflegeversicherung von Nöten ist. Der Unterpunkt „Pflegende Angehörige: Die Kosten im Blick“ gibt Aufschluss darüber, welche staatlichen Leistungen dem Pflegenden zustehen. Des Weiteren finden sich auf der Seite über 20.000 Wohnprojekte sowie stationäre und ambulante Pflegemöglichkeiten, die in ganz Deutschland verteilt sind. Besonders schön ist, dass das Team von werpflegtwie verschiedenen Pflegeanbietern einen Besuch abstattet, um den Nutzern ihrer Seite einen direkten und aktuellen Einblick in verschiedene Wohn- und Pflegeformen vor Ort geben zu können.

Ein Interview mit Dr. Sarina Strumpen von werpflegtwie

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Dr. Sarina Strumpen, Gerontologin und Produktmanagerin bei werpflegtwie.de

Um noch mehr über die Hintergründe und Ziele der Bewertungsplattform zu erfahren, haben wir um ein Interview gebeten. Zu unserer Freude hat uns Frau Dr. Sarina Strumpen, Gerontologin und Produktmanagerin bei werpflegtwie, Rede und Antwort gestanden.

Ihre Bewertungsplattform werpflegtwie.de ist vor zwei Jahren gestartet. Sie wollen damit auch zu einer neuen Pflegekultur beitragen. Was hat sich seitdem getan? Haben Sie den Eindruck, dass man dem Ziel einer besseren Pflegekultur bereits ein Stückchen näher gerückt ist?

„Einen Kulturwechsel in unserem Pflegesystem zu bewirken, das ist ja ein großes Vorhaben – das ganz sicher nicht nur von uns bewirkt wird. Wir sind davon überzeugt, dass eine offenes und modernes Bewertungsportal, wie wir es ja auch aus anderen Branchen kennen, insbesondere den Kunden in der Pflege, also den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen, viele Vorteile bietet. Es geht darum sich auch in der Öffentlichkeit des Internets offen über gute und schlechte Erfahrungen mit Pflegeanbietern austauschen zu können. Zum einen erwarten wir dadurch eine Leistungsverbesserung der Anbieter vor allem im Punkt „Kundenorientierung“ als auch Erleichterung bei der Suche nach einem passenden Pflegeanbieter, dadurch dass über Erfahrungen vorangegangener Kunden und auch Mitarbeiter ein erstes Gefühl für Anbieter entwickelt werden kann. Und da merken wir: das funktioniert. Aber auch von anderen Seiten kommt Bewegung in unser Altenhilfesystem. Seien es die Pflegestärkungsgesetze, soziale Innovationen in der Beratungslandschaft und im Bürgerschaftlichen Engagement – an Ideen und Wünschen für Neuerungen mangelt es ja nicht.“

Gibt es einen bestimmten Ratschlag, den Sie Pflegebedürftigen bzw. deren Angehörigen auf der Suche nach einem passenden Pflegeanbieter gerne mit auf den Weg geben würden? Worauf sollte man bei der Auswahl ganz besonders achten?

„Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollten sich ruhig als Kunden begreifen: sie nehmen ja eine Menge Dienstleistungen in Anspruch – auf die sie einen Rechtsanspruch haben oder die sie bezahlen. Natürlich ist es für Pflegeanbieter schwierig, sowohl ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, wirtschaftlich zu haushalten als auch hochwertige individuelle Pflege und Versorgung zu ermöglichen – dazu können diese aber auch Ideen und Anregungen der Kunden aufgreifen. Pflegeanbieter erzählen uns, dass es auf Dauer anstrengender ist nicht kundenorientiert zu arbeiten, als es zu tun.“

Welche Reaktionen haben Sie von den Pflegeanbietern und -einrichtungen auf Ihr Bewertungsportal erhalten? Haben Sie das Gefühl, dass Kritik gerne angenommen und verbessert wird?

„Wir merken, dass die Anbieter, die keine Scheu vor öffentlicher Kommunikation haben, sowohl eingehende Kritik als auch Lob wertschätzen – und keine Angst davor haben. Zur Bewertung lädt man ja nicht nur ein, wenn man gerade das Gefühl hat, dass alles super ist. Es geht ja vielmehr darum zu zeigen, dass man eine kommunizierende und lernbereite Einrichtung ist. Kritik muss nicht immer auf kleinen Kärtchen im Kummerkasten verschwinden – und kann durch später öffentlich geteiltes Lob ja zu einer guten Werbung werden.“

Die Veränderung der deutschen Pflegelandschaft ist ein äußerst spannendes Thema. Wo glauben Sie, dass in den nächsten Jahren Veränderungen auftreten werden? Wo sehen Sie speziell einen Verbesserungsbedarf?

„Da gibt es viele Baustellen. Bleiben wir bei unserem Bereich: Offene Kommunikation. Aus anderen Ländern, in Europa, der Türkei und Asien, wissen wir, dass Pflegeeinrichtungen – von ambulant bis stationär – durch Social Media Kanäle unglaublich viel Einblicke für Angehörige ermöglichen. Die können so auch in ihrem familiären und beruflichen Alltag viel mehr am Leben ihrer Pflegebedürftigen Verwandten partizipieren. Da gibt es natürlich Anknüpfungspunkte an AAL – die Herausforderung liegt darin, die Grenzen von Privatsphäre und Datenschutz zu beachten und fortlaufend zu diskutieren. Es ist schon spannend, wie wir diese Möglichkeiten zu unser aller Vorteil immer mehr nutzbar machen können.“

Welche Ziele und Wünsche haben Sie mit werpflegtwie.de für die Zukunft?

„Wir möchten natürlich wachsen und mit unserem Bewertungs-Tool jedem Pflegebedürftigen bzw. seinen Angehörigen bekannt sein. Gleichzeitig haben wir noch ein paar mehr spannende Ideen für Neuerungen in der Pflegelandschaft, die hoffentlich vor allem Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen das Leben erleichtern werden. Da sind wir aber noch in der Beta-Testphase. Man darf gespannt sein. Großes Potential liegt außerdem in der Begleitung der Pflegeanbieter in die Sozialen Medien – um mit Mitarbeitern und potentiellen Bewerbern zu kommunizieren.“

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