Kreuzworträtsel, Sudoku oder auch online Gehirnjogging-Spiele und Apps sind ein beliebter Zeitvertreib. Der Spieltrieb von uns Menschen ist tief in den Genen verankert, da er die Voraussetzung fürs Lernen verkörpert. Beim Knobeln geht es aber nicht nur ums Spielen an sich, sondern häufig um die Hoffnung, die grauen Zellen in Schwung zu halten. Sie wird genährt durch Stimmen, die behaupten, mit Gehirnjogging könnte man tatsächlich die bei jedem Menschen mit der Zeit voranschreitende Abnahme bestimmter Gehirnleistungen aufhalten. Vor einer Weile hat sich Justin Worland vom renommierten Time Magazin mit dem Thema auseinandergesetzt. Was er herausgefunden hat, haben wir für Sie hier zusammengefasst und übersetzt:

Sein Gehirn so funktionstüchtig zu bewahren wie es im jungen Erwachsenenalter mal war, ist ganz einfach. Es reicht aus, sich auf einer Webseite mit Gehirnjogging-Spielen anzumelden oder die richtige App runterzuladen und innerhalb von 20 Minuten kommt man dem tatsächlich erreichbaren Ziel, den unausweichlichen Verfall der mentalen Fähigkeiten zu stoppen, einen Schritt näher. Zumindest möchten einen tüchtige Unternehmen der boomenden Industrie rund um das Thema kognitive Leistungssteigerung dies glauben machen. Aber ist es auch wahr?

Gehirnjogging hat einen Effekt, nur einen anderen als gedacht

Laut Experten ist es äußerst schwierig, den Nutzen von Gehirntraining dieser Art anhand messbarer Verbesserung von mentaler Fitness wie Gedächtnis- und Schlussfolgerungsleistung nachzuweisen. „Die Leute wären begeistert, gäbe es tatsächlich die Möglichkeit, durch Knobelspiele ihre Gehirnleistung zu verbessern.“ sagt Randall W. Engel, Projektleiter am Aufmerksamkeits- und Arbeitsspeicher-Labor des Georgia Institute of Technology. Es gibt nur leider keine solide Evidenz dafür.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Gehirnjogging-Spiele völlig effektfrei sind. Experten sagen, dass diese Art von Spielen das Gehirn beeinflussen kann. Nur eben nicht in der Art und Weise, dass sie sein Altern verlangsamen. Grundsätzlich verändert sich das Gehirn durch alles, was man tut – Mentaltraining und Meditation eingeschlossen. Zahlreiche Studien haben jedoch gezeigt, dass es Gehirnjogging-Übungen an „Transfer“ fehlt, wie Forscher sagen. Mit anderen Worten ausgedrückt, führt das Trainieren von bestimmten Spielen/Übungen dazu, dass man eben genau diese Spiele immer besser lösen kann, aber nicht mehr.

„Es ist wie wenn man durch frischen Schnee läuft – man hinterlässt eine Spur. Läuft man dieselbe Route wieder, wird die Spur tiefer und tiefer.“, so die Altersforscherin Ursula Staudinger, Direktorin des Butler Columbia Aging Centers der Columbia Universität. „Die Tatsache, dass das Gehirn sich strukturell verändert, ist nicht gleichzusetzen mit einer generell erhöhten Leistungsfähigkeit. Das Gehirn ist nur leistungsfähiger in Bezug auf genau die Aufgabe, die es trainiert hat.“

Selbstproduzierte Evidenz der Industrie

Designer von Gehirnjogging-Spielen sind in diesem Punkt – wenig überraschend – anderer Meinung. Michael Scanlorn, wissenschaftlicher Direktor bei Lumosity, einem großen Unternehmen der Gehirnjogging-Industrie, verweist auf eine Studie, die er durchgeführt hat und auf deren Grundlage das Unternehmen in den Markt eingestiegen ist. „Unsere grundlegende Absicht war es, ein Produkt zu erschaffen, das Menschen dabei hilft, ihre kognitiven Fähigkeiten zu verbessern.“ Scanlorn sagt, die von Lumosity finanzierte und durchgeführte Studie habe gezeigt, dass online-basiertes Gehirnjogging die Denkfähigkeit erhöhen könne. Diese kleine Studie mit 23 Teilnehmern ist eine von mehreren Lumosity-Studien, die allerdings allesamt nicht im Peer-Review-Verfahren begutachtet wurden.

Klarstellung durch führende Wissenschaftler

Im Angesicht des Wachstums der Industrie, die im Jahr 2020 laut Branchenexperten 6 Milliarden Dollar umfassen soll, wächst auch die Kritik. Mehr als 70 prominente Gehirnforscher und Psychologen haben 2014 ein gemeinsames Statement in diesem Kontext abgegeben. Dieser offene Brief, der vom Stanford Center on Longevity organisiert wurde und weltweit mediale Verbreitung fand, bezeichnete die Darstellungen der Gehirnjogging-Industrie in Bezug auf kognitive Leistungssteigerung als „regelmäßig übertrieben und manchmal irreführend“. Die Wissenschaftler legten außerdem Kriterien dar, die von Gehirnjogging-Spielen erfüllt werden müssten, damit ein Nutzen bescheinigt werden kann. Diese Anforderungen sind hoch.

Ursula Staudinger räumt ein, einschlägige Spiele erfüllten durch reinen Spaß schon einen Zweck. So sind sie bei Nutzern allen Alters sehr beliebt. Lumosity erreichte mit seinem Angebot, einer Kombination aus einer abgespeckten kostenlosen und einer umfangreichen kostenpflichtigen Auswahl, in 2013 laut eigenen Angaben 50 Millionen Nutzer.

Wege gibt es, sie liegen aber woanders

Woran sich Wissenschaftler am meisten stören, sind die Opportunitätskosten von Nutzern, die regelmäßig Zeit mit solchen Spielen verbringen. In der gleichen Zeit könnten diese Leute etwas anderes tun, was ihre kognitiven Fähigkeiten tatsächlich verbessern würde. Die meisten Forscher sind sich einig, dass die am besten auf ihre Alterung verlangsamende Wirkung hin untersuchte Beschäftigung Aerobic-Training ist. Auch bestimmte Ernährungsentscheidungen, regelmäßige Meditation und das Erlernen neuer Fähigkeiten haben den strengen Kriterien von Forschern standgehalten, wenn es darum geht, die Alterung des Gehirns positiv zu beeinflussen.

Mit der Weiterentwicklung von Gehirnjogging-Spielen und weiterer objektiver Forschung könnte sich der wissenschaftliche Konsens bezüglich der Wirkung solcher Spiele ändern. Engle hält dies allerdings nicht für wahrscheinlich. „Ich benötige substantielle Evidenz, dass das nicht nur ein Gimmick ist.“, sagt er, „Ich bin ein Wissenschaftler“.

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