Lange Zeit glaubte man, das Gedächtnis ähnele einem Archiv, in welchem Erlebnisse und Eindrücke wahrheitsgetreu gespeichert würden. Kein Wunder, viele Erinnerungen fühlen sich subjektiv faszinierend lebendig an und enthalten die verschiedensten Sinneseindrücke – Bilder, Geräusche, Gerüche, Emotionen. Die hohe dunkle Tanne, auf die man als Kind gerne geklettert ist, erscheint vor einem in allen Einzelheiten. Man fühlt die raue Rinde der Äste in den Handflächen, man hat den harzigen Geruch in der Nase und spürt das Kitzeln, welches sich in der Magengrube ausbreitete, wenn man im lichteren Abschnitt ankam und sich mit der Tannenspitze im Wind wiegte. Verblasste oder gar nicht mehr abrufbare Erinnerungen glaubte man, wieder freilegen zu können, wenn man nur die richtige Methode anwendet. Hypnose und andere suggestive Verfahren wurden in Filmen und Literatur nur allzu häufig als mächtige Erinnerungs-Hervorrufungs-Instrumente dargestellt.

Die systematische Erforschung des Gedächtnisses zeigt jedoch, das Gedächtnis ist alles andere als ein abrufbares Protokoll der Vergangenheit. In einer Studie eines interdisziplinären Teams um den Neurowissenschaftler Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld und den Sozialpsychologen Harald Walzer vom Wissenschaftszentrum NRW gingen die Forscher den kulturellen und sozialen Dimensionen des Erinnerns auf den Grund. Probanden verschiedener Altersstufen wurden mittels bildgebender Verfahren, Gedächtnistests und Interviews studiert.

Prozess und Ergebnis von Erinnern verändert sich über Zeit

Ein entscheidender Faktor für die inneren Regeln, nach denen das autobiografische Gedächtnis funktioniert, ist das Alter. Wie unser Gedächtnis vergangene Ereignisse abruft, ändert sich über die Lebenszeit hinweg. Die ersten drei Jahre eines Lebens fallen in aller Regel der kindlichen Amnesie zum Opfer. Wir erinnern vielleicht die hohe dunkle Tanne, auf die wir als Knirps von fünf Jahren nur allzu gern geklettert sind, aber wir erinnern uns nicht daran, wie wir laufen gelernt haben. Die für das Gedächtnis abrufbare Lebenszeit beginnt erst mit dem vierten Lebensjahr.

Im Alter von sechs Jahren scheint das Gehirn einen spezifischen Verarbeitungsmodus zu entwickeln. Bildgebende Verfahren sind in der Lage, die am Erinnern beteiligten Hirnareale zu bestimmen. Bei Sechsjährigen lässt sich ein spezifisches kleines Areal im Stirnhirn beobachten, welches zwar bei persönlichen Erinnerungen aktiviert wird, nicht jedoch beim Erinnern von erlernten Fakten.

Dies ändert sich in der Pubertät. Bei Teenagern zeigt sich beispielsweise beim Erinnern der Bestandteile einer Zelle eine synchrone Aktivität des für Sachwissen zuständigen semantischen und des autobiografischen Gedächtnisses. Die Forscher erklären sich dieses neuronale Aktivitätsmuster durch die starke Verknüpfung von Identität und Wissenserwerb in der Lebensphase, die durch Schule und Ausbildung geprägt ist.

In den folgenden Jahren, dem jungen Erwachsenenalter, ereignet sich der Stoff, aus dem sich das in der Gedächtnisforschung als Erinnerungshügel bekannte Phänomen bildet. Das Eintreten ins Dasein als Erwachsener ist geprägt von Umbrüchen, Weichenstellungen und vielen ersten Malen: Man verliebt sich das erste Mal, zieht in die erste eigene Wohnung, schließt seine Ausbildung ab usw.. Die Erinnerung an jene Lebensphase löst bei über sechzig Jährigen hohe Aktivität im autobiografischen Gedächtnis aus. Erinnerungen an die vorangegangenen zwei oder fünf Jahre lösen im Vergleich kaum Aktivität aus.

Aber wie steht es nun mit der „archivarischen“ Qualität des autobiografischen Gedächtnisses? Aus der Zeugenbefragung ist das Phänomen voneinander abweichender Schilderungen eines Ereignisses nur allzu gut bekannt. Nicht nur haben verschiedene Personen unterschiedliche Erinnerungen an einen Tathergang, auch die Erinnerung der einzelnen Person verändert sich mit zeitlichem Abstand zum Geschehen.

Archivar und „Mythenmacher“ sind am Werk

Der Wahrheitsgehalt von Lebensberichten und die zugehörige Hirnforschung sind das Spezialgebiet von John Kotre, der an der Michigan-Dearborn Universität Psychologie lehrte. Er hat sich 35 Jahre intensiv und systematisch mit dem Thema Lebenserinnerungen auseinandergesetzt und typische Muster, nach denen sich autobiografische Erinnerung formt, herausgearbeitet. Sein Fazit: Das autobiografische Gedächtnis schreibt das Drehbuch unseres Lebens fortwährend um. Als Autoren sind daran sowohl ein Archivar als auch ein „Mythenmacher“ beteiligt.

In seinem Buch „Weiße Handschuhe“ beschreibt Kotre, wie wir erst ab dem Teenager-Alter eine Vorstellung davon entwickeln, dass andere Menschen genauso auf uns blicken, wie wir auf andere blicken. Vorher sehen und beschreiben wir Situationen nur durch unsere eigene Brille und können Ereignisse nicht aus der Perspektive eines Zuschauers visualisieren. Haben wir allerdings erstmal die Fähigkeit entwickelt, uns mit den Augen anderer zu sehen, setzt die Arbeit des „Mythenmachers“ ein und wir verwenden die Vergangenheit, um ein Narrativ unserer eigenen Person zu konstruieren.

Unser Gehirn arbeitet dabei im Dienste eines möglichst positiven Selbstbildes. Durch die nachträgliche Interpretation von Erlebtem versichern wir uns stets der eigenen Identität – bis ins hohe Alter. Als Erwachsene feilen wir kontinuierlich, unbewusst (und oft auch bewusst) am Narrativ unserer Person. Und je älter wir werden, desto größer wird der Einfluss des „Mythenmachers“, der nun nicht mehr nur vergangene Ereignisse zu einer runden Geschichte spinnt, sondern Erinnerungen regelrecht verfälscht, damit sie zum über die Jahre entstandenen Mythos passen. Ironischerweise behandeln wir persönliche Erinnerungen mit zunehmendem Alter als Faktenwissen – ganz so als hätten wir uns schließlich selbst von der Faktizität dessen überzeugt, was wir gegenüber anderen gern zum Besten geben.

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