Bevor Sie beginnen, Ihre Lebenserinnerungen zu schreiben, müssen Sie sich erst einmal darüber klar werden,

  • ob Sie in erster Linie für sich oder für andere schreiben wollen,
  • ob Sie Ihr ganzes Leben von Beginn an oder nur einzelne Phasen oder Lebensabschnitte beschreiben möchten, und
  • ob Sie eine Art persönliches geschichtliches Dokument niederlegen oder sich eher durch das Schreiben von bestimmten Erlebnissen und Erinnerungen befreien möchten.

Spielformen des autobiographischen Schreibens

Ortheil Schreiben über mich selbstGrundsätzlich unterscheidet man zwei Spielformen des biographischen Schreibens: die Autobiographie als Rückblick auf das ganze Leben von Beginn an, die in der Regel chronologisch vorgeht, und die Erinnerungen oder Memoiren, die nur episodenhaft einen Ausschnitt des Lebens unter einer bestimmten Perspektive beschreiben. Neben diesen beiden Hauptarten gibt es aber noch eine Reihe von Zwischen- oder Unterformen – z.B. kann die Lebensgeschichte in einen autobiographischen Roman eingebunden werden, in den auch fiktive Elemente eingehen, oder die Lebenserinnerungen münden in einen eher sachlichen Lebenslauf, der z.B. mit Bildern versehen zu einer Art geschichtlichem Dokument für die Familie wird. Der Schriftsteller und Professor für Kreatives Schreiben Hanns-Josef Ortheil zeigt in „Schreiben über mich selbst“ die wichtigsten Spielformen des autobiographischen Schreibens auf: von der Kindheitserinnerung über typische Formen der Selbstbeobachtung und das Erzählen prägender Erlebnisse und Lebensabschnitte bis hin zu längeren autobiographischen Texten über Herkunft, Familie und biographische Entwicklungen.

Herrad Schenk, Die Heilkraft des Schreibens

Schreibend das eigene Leben reflektieren

Auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit der Durchführung von Schreibwerkstätten zeigt die Autorin Herrad Schenk in ihrem Buch „Die Heilkraft des Schreibens. Wie man vom eigenen Leben erzählt“ anhand von vielfältigen Textbeispielen auf, wie Menschen heute schreibend ihr Leben reflektieren. Es ist keines der typischen Ratgeber-Bücher, sondern die Autorin will ihren Lesern helfen, so zu schreiben, wie sie selbst schreiben wollen und können. Sie möchte Anregungen geben sich zu erinnern. Warum schreiben sie? Welche lebensgeschichtlichen Ereignisse stellen sie dar? Was haben sie als problematisch, was als positiv erlebt? Welche Erfahrungen sind typisch für eine bestimmte Generation? Immer mehr Menschen verspüren heute laut der Autorin das Bedürfnis, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Sie schreiben manchmal für ihre Kinder, für Verwandte oder Freunde – vor allem aber für sich selbst. Schreibend wollen sie den roten Faden in ihrer Lebensgeschichte erkennen: Wie bin ich zu der Person geworden, die ich heute bin? Wo stehe ich jetzt – und was kann ich mit dem vor mir liegenden Leben noch anfangen? In vielen Textbeispielen entfaltet sich in ihrem Buch ein großer Reichtum an gelebtem Leben, ein buntes Panorama aus Zeitgeschichte und individuellem Schicksal. Darüber hinaus offenbart sich die sinnstiftende und selbsttherapeutische Funktion des autobiographischen Schreibens.

Schreiben als Therapie

Die Autorin Herrad Schenk selbst ist etwas unglücklich mit ihrem Buchtitel „Die Heilkraft des Schreibens“, eher stehe sie zu dem Untertitel „Wie man vom eigenen Leben erzählt“. Aber sie sieht durchaus, dass das Schreiben der eigenen Biographie eine selbsttherapeutische Funktion haben kann. Allein durch das Niederschreiben verarbeitet man in der Erinnerung bestimmte Erlebnisse. Man reflektiert über das eigene Leben und kann vielleicht auch einen neuen Blick darauf gewinnen. „Sich etwas von der Seele schreiben“ ist nicht nur eine Redensart, sondern tatsächlich wird das autobiographische Schreiben in verschiedenen Formen auch von Therapeuten genutzt. So gibt es z.B. sog. Poesietherapeuten, die Menschen dabei unterstützen, ihre Gefühle, Gedanken und Erinnerungen in eine ästhetische Form zu bringen und über das Schreiben wichtige Selbsterfahrungen zu machen. „Es handelt sich um ein junges und noch relativ unbekanntes Berufsbild, das aus der Gestalttherapie heraus entstanden ist“, sagt Kerstin Hof. Sie hat 2003 mit acht Überlebenden des Hamburger Feuersturms von 1943 Texte erarbeitet und als Buch herausgegeben. Bei den derzeit boomenden Kursen zum kreativen und insbesondere auch biographischen Schreiben gehe es zwar ebenfalls um die heilsame Wirkung des In-Worte-Fassens, sagt Hof. Jedoch bestehe immer die latente Gefahr, dass dadurch unbewältigte Konflikte und Traumata bei den Teilnehmern hochkommen. Deshalb sei eine geschulte Begleitung durch Poesietherapeuten wichtig.

Schreiben für die Nachkommen

Opa erzähl mal Oma erzähl mal Mama erzähl mal Papa erzähl malEher für die Familie und die Nachkommen schreibt man mit Hilfe der „Erinnerungsalben“ aus dem Knaur Verlag. Kinder und Enkel schenken den Eltern bzw. Großeltern diese Alben mit der Bitte, sie nach dem Ausfüllen wieder zurück zu erhalten. Denn sie sollen „das Bedürfnis stillen zu wissen, wo man herkommt“. Daher enthalten sie jeweils ein Vorwort an die Käufer des Buches, eben die Kinder und Enkel, und daneben eine Art Gebrauchsanweisung an die Eltern (Papa und Mama) und Großeltern (Opa und Oma), die die Alben mit ihren Lebenserinnerungen füllen. Ausgefüllt werden diese Geschenkbücher damit zu einem persönlichen und wertvollen Erinnerungsbuch für die ganze Familie. Ganz am Ende der ca. 120 Seiten langen Alben, die viele Leitfragen stellen und Anregungen liefern, aber auch viel Platz für eigene Einträge vorsehen, ist dann sogar ein eigenes Kapitel „Über Lebensweisheiten und wichtige Erfahrungen“ vorgesehen. Und als allerletzte Frage steht dort „Welche fünf Ratschläge fürs Leben möchtest du mir gern auf den Weg geben?“.

Zum Weiterlesen:

  • Wenn Sie sich einen Überblick über das Thema „Vom eigenen Leben erzählen“ verschaffen möchten, dann lesen Sie hier.
  • Konkrete Anregungen dazu, wie Sie in das Erzählen vom eigenen Leben einsteigen können, finden Sie hier.
  • Tipps dafür, wie Sie Ihre Geschichte zu Papier bringen, finden Sie hier.

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