Das Sammeln und Recherchieren von Informationen steht immer am Anfang beim Schreiben, auch beim Schreiben der eigenen Lebensgeschichte. Diese Vorbereitungsarbeit liefert das Rohmaterial, das Sie beim Schreiben verwenden möchten, und sie stimmt Sie innerlich auf das Schreiben Ihrer Lebenserinnerungen ein.

Entlang der Timeline

„Timeline“ so heißt die Chronik des Lebens, die die Nutzer von Facebook  auf ihren Profilseiten quasi automatisch anlegen. Entlang eines Zeitstrahls wird alles aufbewahrt, was man im Laufe der Zeit bei Facebook veröffentlicht hat, z.B. werden die Hochzeitsfotos aus dem Mai 2011 genau dort abgelegt und können durch einfaches „Scrollen“ auch wieder gefunden werden. Wollten die heute Jungen, die quasi ihr ganzes Leben bei Facebook dokumentieren, einmal ihre Lebenserinnerungen schreiben, dann könnten sie sich an ihrer Timeline orientieren, um Erinnerungen wach zu rufen, Anregungen für den Einstieg zu finden oder schlicht gewisse Eckdaten ihrer Biographie wieder abzurufen.

Wir Älteren müssen uns noch anders behelfen. Aber die „Timeline“ als gedankliches Konstrukt ist dabei natürlich auch hilfreich. Wandern Sie anhand Ihrer biographischen Daten in Gedanken durch Ihr Leben. Sammeln Sie auf kleinen Zetteln, geordnet nach einzelnen Lebensphasen oder zeitlichen Einschnitten, wichtige Erlebnisse, die Sie geprägt haben, Menschen, die Sie getroffen haben, Meilensteine, die Sie erreicht (oder vielleicht auch verpasst) haben. Lassen Sie sich beim Blättern durch alte Fotoalben inspirieren, sprechen Sie mit Menschen, die Ihnen nahestehen, oder nehmen Sie gesammelte Gegenstände wieder in die Hand, die Sie an Ihr gelebtes Leben erinnern. Vielleicht haben Sie noch alte Briefe irgendwo gestapelt, vielleicht die privaten E-Mails der letzten Jahre irgendwo abgelegt? Alte Tagebücher sind natürlich auch eine besonders naheliegende Erinnerungshilfe.

Assoziationstechniken nutzen

Auch Assoziationstechniken, mit denen alte Eindrücke und Erfahrungen, Bilder und Ereignisse, die in unserem Gedächtnis gespeichert sind, wieder abgerufen werden, können den Erinnerungsfluss zum Fließen bringen. Insbesondere das sog. Clustering wird beim kreativen Schreiben empfohlen. Dabei werden auf spielerische Weise emotional besetzte Gedanken und Fantasien freigesetzt. Ausgehend von einem Schlüsselwort (z.B. Krieg, Vater) werden assoziativ in Abfolge der auftauchenden Ideen weitere Begriffe ergänzt, so dass eine Kette entsteht. Wenn ein anderes Schlüsselwort hinzukommt, dann wird eine neue Gedankenkette erzeugt, jeweils immer von innen nach außen, bis der Assoziationsstrang erschöpft ist, ganz ohne Eigen-Zensur.

Eine andere Technik, das Mind-Mapping, auch Spinnennetz-Notizen oder Entscheidungsbaum genannt, dient ebenfalls zur Aufzeichnung von Gedankenketten bei der Ideenfindung. Dabei können Ideen schnell geordnet sowie Informationen anschaulich und übersichtlich präsentiert werden. Beim Mind-Mapping werden die Begriffe nicht frei assoziiert wie beim Clustering sondern in Beziehung zueinander gesetzt. So entsteht ein anschauliches Netz, ausgehend von einem Thema über sog. Hauptäste und Zweige. Mind Maps gehen von Schlüsselwörtern aus, die neue Einfälle hervorrufen, z.B. wäre ein wichtiges Thema beim Schreiben der eigenen Biographie die Familie, das in verschiedene Unterthemen wie Eltern, Kinder, Geschwister usw. unterteilt werden könnte.

Fragen als Wege in die Erinnerung

Gudrun Burkhard, Schlüsselfragen zur BiografieEs gibt zahlreiche Bücher, die als Anregung Einstiegsfragen zur eigenen Biographiearbeit auflisten. Zum Beispiel hat Gudrun Burkhard in ihrem „Arbeitsbuch Schlüsselfragen zur Biographie“ geordnet nach Jahrsiebten wesentliche Fragen für die Arbeit an der eigenen Biographie zusammengestellt. Es handelt sich dabei um eine Bestandsaufnahme zu den verschiedenen Entwicklungsschritten im eigenen Lebenslauf. Die Arbeitsfragen gehen den Veränderungen im beruflichen oder familiären Umfeld nach, den gesundheitlichen Einflüssen, den Befindlichkeiten im Gefühlsbereich zu einem bestimmten Zeitpunkt und vielem mehr. Jedem Jahrsiebt ist ein Leitbild vorangestellt, in dem der Charakter des jeweiligen Lebensabschnittes beschrieben wird. Bei den einzelnen Abschnitten ist genügend Freiraum für eigene Eintragungen gelassen, so dass das Buch auch als Arbeitsbuch verwendet werden kann.

Anleitung zur Autobiographie in 300 FragenIn der „Anleitung zur Autobiographie“ von Gerhild Tieger werden nicht weniger als 300 Fragen als „Wege in die Erinnerung“ aufgeführt. Natürlich müssen Sie nicht alle beantworten, aber beim Durchlesen erkennen Sie gleich, welche der Fragen Ihnen liegen und welche bei Ihnen brachliegende Erinnerungen wachrufen können. Denn Fragen sind „wie kleine Steine, die eine Lawine auslösen können“. Fragen öffnen die Tür zur Erinnerung, aus der immer wieder neue Bilder auftauchen – und daraus entsteht dann die Geschichte Ihres Lebens.

 

Durch Bilder Erinnerungen wach rufen

Besonders durch Bilder werden Erinnerungen wach – und nicht nur durch persönliche Fotos, sondern auch durch symbolhafte Bilder, Fotos oder Filme aus einer bestimmten Epoche: Es gibt zum Beispiel verschiedene Varianten von „Bildkarten zur Biografiearbeit“. Die Karten sind ansprechende Impulsgeber für das Revue-passieren-lassen des eigenen Lebens, für alle, die alleine oder auch in Gruppen Biographiearbeit betreiben. Hier gibt es z.B. auch spezielle Ausgaben mit Fotokarten zu den 30er oder 40er Jahren.

Jugend in den 60er JahrenAuch viele Bildbände sind geeignet, die persönlichen Erinnerungen an Orte, an denen Sie gelebt haben in bestimmten Phasen Ihres Lebens, wach werden zu lassen. So versammelt z.B. der Bildband „Leben in München“ Fotos aus den frühen 60er Jahren zu einem stimmungsvollen München-Portrait und einem charmanten Zeitzeugnis. Es gibt natürlich auch entsprechende Bücher, die für ganz Deutschland die verschiedenen Epochen durch Bildmaterial abdecken, z.B. zeichnen „Unsere 60er Jahre“ oder „Die fünfziger Jahre von Rudolf Großkopff eindringliche und lebendige Portraits dieser Jahrzehnte. Einen speziellen Bezug zur Erlebniswelt der damaligen Jugendlichen enthalten die DVDs „Unsere Jugendjahre in den 50ern (60ern, 70ern, 80er)“, die als Teenager- und Twen-Chronik das junge Leben in Deutschland in der jeweiligen Zeit darstellen, und das im Format eines Films.

Denn in einer guten Autobiographie ist laut Marcel Reich-Ranicki „immer, bisweilen zwischen den Zeilen, zusammen mit dem Selbstportrait des Autors auch das Bild der Epoche enthalten, in der sich sein Leben abgespielt hat.“ Aus dieser Erkenntnis eröffnen sich viele weitere Quellen für Ihre Recherche und Stoffsammlung. Vielleicht stöbern Sie in historischen oder zeitgeschichtlichen Büchern aus der Zeit Ihrer Kindheit und Jugend, vielleicht lesen Sie die eine oder andere Biographie eines Zeitgenossen als Anregung? In Bänden wie „Opa (oder Oma, oder Papa oder Mama), erzähl mal“, die als „Erinnerungsalbum Deines Lebens“ mit eigenen Erinnerungen gefüllt werden sollen, sind immer wieder Anregungen aus der jeweiligen Epoche aufgelistet, z.B. „Die beliebtesten Vornamen aus den 1930er Jahren“ oder „Die beliebtesten Hits der fünfziger Jahre“. Am Ende findet sich in diesen Bänden auch eine Auflistung von historisch bedeutsamen Ereignissen der letzten 90 Jahre – vom Friedensvertrag von Versailles 1920 bis zum Tod von Loriot im Jahr 2011. Denn „jedes Menschenleben ist verbunden mit der Geschichte seiner Zeit und wird beeinflusst durch die Ereignisse in der Welt“.

Sichten und Sortieren

Sie werden überrascht sein, wie viel Material bei einer solchen breit angelegten Sammlung zusammengekommen sein wird. Sicher werden Sie nicht alles auch tatsächlich verwenden. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie genügend Material beisammen haben, dann beginnen Sie mit dem Sichten und Sortieren. Dies ist bereits ein Teil des Schreibens. Denn vielleicht stoßen Sie beim Sortieren auf ein besonderes Erlebnis, mit dem Sie beginnen wollen. Vielleicht können Sie aus der Fülle des Materials ableiten, welche Phase Ihres Lebens oder welche Personen aus Ihrem Umfeld in Ihrem Leben besonders wichtig waren.

Denn es gibt grundsätzlich zwei Arten, Ihr Leben zu erzählen:

  1. Eine Autobiographie ist ein Rückblick auf das ganze Leben, oder sie behandelt zumindest eine lange Zeit eines Lebens. Dabei wird meist chronologisch, von der Kindheit bis zum Jetzt, erzählt.
  2. Memoiren und Erinnerungen dagegen sind episodenhaft und beschreiben einzelne Erlebnisse, Zeitabschnitte oder Erfahrungen, die herausgegriffen und zum Schwerpunkt gemacht werden, weil der Autor sie besonders reflektieren möchte. „Was Memoiren so eindringlich macht, ist ihr enger Fokus. Im Gegensatz zur Autobiografie, die ein ganzes Leben umspannt, setzen Memoiren das Leben als bekannt voraus und ignorieren das meiste davon … Memoiren sind nicht die Zusammenfassung eines Lebens, sondern ein Fenster, durch das wir einen Ausschnitt aus einem Leben betrachten.“, wie es William Zinsser in seinem Bestseller „Nonfiction schreiben“ so treffend formuliert hat.

Oft entscheidet man erst im Laufe der Materialsammlung, welchen dieser beiden Wege man gehen will.

Zum Weiterlesen:

  • Wenn Sie sich einen Überblick über das Thema “Vom eigenen Leben erzählen” verschaffen möchten, dann lesen Sie hier.
  • Über unterschiedliche Motivationen für autobiografisches Schreiben und die verschiedenen Formen lesen Sie hier.
  • Tipps dafür, wie Sie Ihre Geschichte zu Papier bringen, finden Sie hier.

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