Der Videorecorder

Können Sie sich noch an den Videorecorder erinnern? Vielleicht sogar an das erste Gerät in Ihrem Haushalt? Bei uns war es der Vater, der die hohe Kunst des Studiums mehrsprachiger Anleitungen beherrschte und damit definitiv über Herrschaftswissen verfügte. Es sah immer nach schwerer Arbeit aus. Das Anleitungsbuch, ziegelsteingroß und liebevoll dem japanischen Original in den exotischsten Sprache nachempfunden. Die Körperhaltung, auf den Knien vorm Fernsehschrank, natürlich drängte sich eine gewisse religiöse Assoziation auf. Grammatik, Semantik und Grafik des Buchs, legendär kryptische, damals in der Not nur manchmal als komisch empfundene Stilblüten.

Der Videorecorder konnte: eine Fernsehsendung aufnehmen und wieder abspielen. Punkt.

Das iPad

Dagegen kann ein iPad: (fast) jede Fernsehsendung abspielen (egal ob man sie aufgenommen hat oder nicht). Außerdem geht damit: Bücher schreiben, Zeitung lesen, Video-Telefonate führen, Musik hören, Filme drehen, Schach spielen – um nur einen Bruchteil der Möglichkeiten zu nennen. Ein iPad ist ja auch z.B. eine Wasserwaage oder eine Taschenlampe.

Anleitung eines iPads (2015)
Anleitung eines iPads (2015)

Die Anleitung eines neuen iPads: ein bedrucktes Kärtchen, vorne drauf eine Zeichnung des iPads, hinten drauf eine Erklärung, wie man es anschaltet. Um das auf die Spitze zu treiben, ist diese Seite nicht einmal ganz bedruckt. Apple zelebriert die Anleitungslosigkeit seiner Geräte natürlich. Aber bei anderen Herstellern ist das nicht viel anders.

Die Zeit nach den Gebrauchsanweisungen

Niemand wünscht sich die alten Zeiten zurück. Die Beherrschbarkeit einer geradezu absurden Vielzahl von Funktionen ohne Anleitung oder langjähriges Studium wäre vor wenigen Jahren oder allenfalls ein oder zwei Jahrzehnten undenkbar gewesen. Die mit diesen Geräten groß gewordene jüngere Generation hätte gar nicht mehr die Geduld, eine Gebrauchsanweisung zu lesen, vielleicht auch nicht mehr die Fähigkeit.

Aber so ganz ohne Probleme ist diese Entwicklung nicht. Sonst würde es nicht am Bahnhofsregal ganze Regale mit Zeitschriften geben, die sich nur den „versteckten Funktionen“, den „Tipps und Tricks“ oder dem Vorhaben „So werden Sie Experte“ widmen. Zudem ist das Internet voll mit Foren und Diskussionsgruppen, die sich den Rätseln der Bedienung bestimmter Geräte widmen. Und natürlich haben viele neuere Geräte eine Art elektronische Gebrauchsanweisung integriert.

Technik ohne Anleitung?

Der Umgang mit all diesen Hilfestellungen will gelernt sein. Ein Beispiel: gestern konnten Sie noch problemlos E-mails mit ihrem iPad verschicken. Heute weigert sich das Gerät mit dem defensiven Hinweis, der SMTP Server sei nicht verfügbar. Sie haben den SMTP Server nicht irgendwo verloren, Sie haben gar nichts verändert, und Sie wussten nicht einmal von seiner Existenz. Trotzdem ist er nicht verfügbar, aber dennoch notwendig für das Versenden der E-mail.

Um es kurz zu machen: da hilft direkt keine Anleitung. Wie so oft kann das viele Ursachen haben und dementsprechend gibt es viele Lösungswege. Sie können das Problem googeln (über 50.000 Einträge), Sie können auf Verdacht das iPad neu starten oder Ihre Zugangsdaten für das e-Mail neu eingeben, Ihr e-Mail Programm neu aufsetzen etc. Profis machen es übrigens oft genau so: sie probieren aus, sie suchen im Internet nach Leuten, die ein ähnliches Problem hatten und lösen konnten.

Anleitung heute

Jetzt kommen Gebrauchsanweisungen wieder ins Spiel. Heute geht es nicht mehr so sehr darum, Schritt für Schritt bestimmte Funktionen auszuführen. Eine gute Anleitung muss uns heute ein grundsätzliches Verständnis für die Technik vermitteln. Die Mühe macht sich eigentlich kaum ein Hersteller.

Deshalb etablieren sich zunehmend Verlage, Zeitschriften und Autoren, die genau dafür da sind. Ein gutes Beispiel ist der junge Verlage „Die.Anleitung“. Er richtet sich gezielt an Einsteiger und Senioren. Bisher sind ausführliche und bebilderte Anleitungen für iPhone, iPad, Android Phones und Android Tablets erschienen. Sonderausgaben (zum Download) widmen sich Spezialthemen wie e-Mail und WhatsApp.

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Hier wird der Kunde wirklich Schritt-für-Schritt in die Technik eingeführt, und wer sich die Zeit nimmt, wird nicht nur sein (neues) Gerät bedienen können, sondern auch ein grundlegendes Verständnis für die Funktionsweise mitgenommen haben.

Hier liegt eben auch der wesentliche Unterschied zu früher, zum Videorecorder: mühseliges Eingeben der Anfangs- und Endzeit einer Sendung, Sicherstellen, dass eine leere Kassette eingelegt ist, das richtige Programm eingestellt ist etc. entfällt mehr oder weniger. Neuerdings reicht es, den Namen des gewünschten Films einfach in die Fernbedienung zu sprechen (z.B. Amazon Fire – es funktioniert wirklich!). Aber wenn das Gerät eben nicht will, wie es soll, dann hilft nur die Idee, an welcher Stelle nach dem Problem und der Lösung zu suchen ist.

 

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